Kokon

Es gab eine Stadt ein Stück nördlich von ihrer, die nur existierte, wenn es regnete. Sie war dunkel und verlassen, und zeigte sich nur denen, die den Regen kannten. Dieser besuchte sie nur noch selten, also hatte sie sich wohl oder übel ein kleines Zuhause in der Nachbarstadt aufbauen müssen. Obwohl ihre kleine Hütte aus gutem Holz gebaut war, fand der Regen immer einen Weg durch die feinsten Ritzen und ließ sie zitternd und nass zurück. Also fand sie auch nach so langer Zeit immer wieder einen Weg zurück in ihre Stadt, denn dort machte der Regen ihr nichts aus. Dort mochte sie ihn.
Nun war also einer dieser Tage, an denen es schüttete. Der unaufhörliche Regen in früheren Tage hatte sie gelehrt, sich zu wappnen. Inzwischen kamen die Wolken nur noch manchmal, und musste nicht permanent auf einen Schub vorbereitet sein. So dauerte es einige Zeit, bis sie zwischen ihren Büchern, den knarzenden Möbeln und Unmengen an Papier, die auf dem Fußboden ihres Salons lagen, ihren Regenschirm fand.

Augenblicke später konnte man sie bereits auf dem Feldweg wiederfinden, der in die schützende Stadt führte. Während die Umrisse der schmutzigen und vernachlässigten Häuser immer klarer wurden, stellte sich in ihr ein Gefühl der Ruhe ein. Die Risse auf der staubigen, vorhin noch nach Wasser lechzenden Straße, jetzt so voll mit gluckernder Vertrautheit, gaben ihr ein Gefühl von Sicherheit. Alle Orte, Häuser und Straßenschilder dieser Stadt waren ihr bekannt. Hier existierten keine Angst, Hoffnungslosigkeit und Leere, sondern nur Erleichterung. Hier konnte sie alles von sich werfen und vor Ort zurücklassen. Sie ließ den Schirm sinken. Der Regen traf ihr Gesicht, kalt zuerst, dann angenehm. Sie fühlte die kühle Erfrischung, eine alte Erinnerung.
Sie zog den Kragen nicht höher und lud den Regen ein.
Während sie an den verlassenen Gassen vorbei trottete, formten sich alte, längst aus ihrem Gedächtnis gestrichene Gedanken. Hier machte es ihr nichts aus, den Schmerz zu fühlen. Sie war hierher gekommen, weil sie ihn verdient hatte.
Ein tapsendes Geräusch ließ sie aufhorchen. Es klang beinahe wie Schritte. Normalerweise war sie alleine hier. Wenn sie so jemand jetzt sah…
Sie taumelte, als hätte ihr jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Ihre Gedanken wurden lauter und aufdringlicher und realer, realer weil sie wahr waren und sie das alles verdient hatte sie wollte es so wollte es so wollte es so-

Ich wünsche mir, mein Körper wäre nicht meiner. Ich wünsche mir, meine Gedanken wären nicht meine. Ich möchte aus mir raus, so sehr, dass ich mir am liebsten die Haut aufkratzen will damit ich mein Inneres in einen neuen, reinen Körper verfrachten kann. Meine Haut ist zu eng, zu gespannt für mein Inneres. Ich kann für andere stark sein, aber wenn es um mich und meine Bedürfnisse geht, bin ich schwach. Ich brauche jemanden, der mich liebt. Ich möchte verstanden werden. Ich möchte dass sanft mit mir umgegangen wird, ich möchte gehalten und fester zurückumarmt werden. Dass jemand alles an mir liebt, was ich nicht ausstehen kann. Ich möchte reden können und schreiben können und singen können und tun können, was ich will, ohne als zu viel oder zu laut gesehen zu werden. Ich möchte genauso trösten wie ich getröstet werde. Ich möchte so geliebt werden wie ich andere liebe. Nicht wie ich mich selbst sehe.

Als hätte jemand den Lärm abgedreht, befand sie sich plötzlich wieder in der Wirklichkeit. Mit einem Blick schaute sie sich um und stellte fest, dass sie mittlerweile auf der ausgedienten Eichenbank saß, die jedes Mal ächzte, wenn sie sich darauf niederließ. Ihre Augen wanderten hin und her, nahmen die vertraute, lang nicht mehr gesehene Umgebung auf. Eine verrostete Rutsche. Quietschende Schaukeln, von deren Stangen bereits der rostrote Lack abblätterte.
Für einen Moment vergaß sie, wie lange sie dort saß. Der Regen füllte die Lücken zwischen ihren Gedanken. Für einen Moment war sie wieder klein genug, um hierher zu gehören.
Rauschen setzte sich in ihren Ohren fest und ein Schauer lief über ihren Rücken. Sie spürte Blicke hinter sich und drehte sich langsam um. Da stand sie. Sie sah kleiner, verletzlicher aus, als sie sie in Erinnerung hatte. Nicht so laut, besserwisserisch oder einnehmend wie sie dachte. Überraschend lebendig. Zwei verschiedene Socken, wilde Haare und rosige Wangen.
„Wer bist du?“
Unsicher, aber dennoch neugierig und mit zusammengekniffenen Augen stapfte sie auf sie zu. Ihre Sommersprossen verschwanden in den Falten ihres zusammengekniffenen Gesichts, während sie gespannt die Nase rümpfte.
„Wieso sitzt du da so alleine? Kann ich mich neben dich setzen? Ich find es gruselig hier.“
Der Blick des Kindes hielt sie fest. Er war so offen gefühlvoll, unsicher, erwartungsvoll. Etwas darin kam ihr vertraut vor, wie ein Gefühl, das man nie ganz vergisst.
Ihr Blick fiel auf ihre Hände. Sie lagen reglos auf ihrem Schoß, zitternd, gezeichnet. Sie zog sie näher an sich, als könnte sie sie verbergen.
Wie musste das aussehen?
Wie musste sie wirken, von außen, für jemanden, der die Welt noch nicht so kannte wie sie diese erlebt hatte?
Sie eilte auf das kleine Mädchen mit den offenen Haaren und der bunten Kleidung zu und drückte es an sich. Sein Kopf, vergraben an ihrer Schulter. Sie roch Sonne, Kindheit, das Waschmittel ihrer Mutter. Ihre Vergangenheit. Zuhause.
Sie löste sich vorsichtig aus der Umarmung und blickte fest in die blauen Augen ihres Gegenübers.
Sie nahm das kleine Mädchen fest an die Hand und lief mit ihm aus der Stadt, die nur existierte, wenn es regnete. Der Regen folgte ihnen ein Stück, dann blieb er zurück. Sie schaute sich nicht nochmal um. Und dann breitete sie ihre Flügel aus.

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By quietforum